Raphael Kühner; Friedrich Blass [1890], Ausführliche Grammatik der Griechischen Sprache: Teil I. Elementarlehre [info] [word count] [KuhnerBlass].
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135 Bemerkung über das Homerische Suffix φι (ν) und über die Lokalendungen θι, θεν, δε.

1In der Homerischen Sprache besteht neben den eigentlichen Kasuszeichen ein Suffix φι (ν), welches sich immer an ein Substantiv oder Adjektiv anschliesst. Dieses Suffix steht vorzugsweise als Vertreter des Lokativs, des Ablativs und des Instrumentalis anderer Sprachen, also der Kasus, deren Funktionen im Griechischen teils auf den Dativ, teils auf den Genetiv übergegangen sind; doch kann es auch in anderen Funktionen und Bedeutungen den Genetiv oder Dativ vertreten. Oft verbindet es sich mit Präpositionen: ἐξ, ἀπό, ἀμφί, σύν u. s. w.; den Singular u. den Plural bezeichnet es ohne Unterschied (doch s. unten 2, I u. III). Für den Dativ (Lokativ, Instrumentalis) steht es z. B.: Il. ν, 168 δόρυ μακρόν, ὅ οἱ κλισίηφι λέλειπτο. τ, 323 Φθίηφι τέρεν κατὰ δάκρυον εἴβει. ι, 617 ἅμα δ ἠοῖ φαινομένηφιν. η, 366 u. ö. θεόφιν μήστωρ ἀτάλαντος. β, 363 ὡς φρήτρη φρήτρηφιν ἀρήγῃ, φῦλα δὲ φύλοις. κ, 30 ἐπὶ στεφάνην κεφαλῆφιν ἀείρας θήκατο (ἐπὶ zu κεφ. θήκ.), vgl. 257. π, 734 ἑτέρηφι δὲ λάζετο πέτρον, mit der anderen Hand. μ, 114 ὄχεσφιν ἀγαλλόμενος. ζ, 510 ἀγλαΐηφι πεποιθώς. Od. ε, 433 πρὸς κοτυληδονόφιν πυκιναὶ λάϊγγες ἔχονται. Hes. Op. 216 ὁδὸς δ ἑτέρηφι παρελθεῖν κρείσσων ἐς τὰ δίκαια, wie ταύτῃ, ἄλλῃ, πῇ. — Für den Genetiv (Ablativ): Il. φ, 295 πρὶν κατὰ Ἰλιόφι (Ἰλίοο Ahrens) κλυτὰ τείχεα λαὸν ἐέλσαι. Od. μ, 45 πολύς δ ἀμφ' ὀστεόφιν

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θὶς ἀνδρῶν πυθομένων, künstlich erklärt von Dronke, Rh. Mus. 9, 621 u. A. (aber Dat. π, 145 φθινύθει δ ἀμφ' ὀστεόφιν χρώς). Il. κ, 458 ἀπὸ μὲν κυνέην κεφαλῆφιν ἕλοντο. ψ, 347 ἐκ θεόφιν, ebenso ρ, 101. κ, 347 ἀπὸ στρατόφι. Anscheinend für den Akkusativ (Schol. Il. ν, 588) steht φιν Il. ν, 308. 309 ἐπὶ δεξιόφιν, ἐπ' ἀριστερόφιν, vgl. ἐπὶ δεξιά, ἐπ' ἀριστερά; indes ist es auch hier genetivisch zu fassen, vgl. ἐπὶ δεξιᾶς, ἐπ' Ὠκεανοῖο ῥοάων, u. s., s. La Roche z. St. Erstarrt ist ἔννηφιν Hes. Op. 410: μηδ' ἀναβάλλεσθαι ἔς τ' αὔριον ἔς τ' ἔννηφιν, wie εἰς ὀπίσω, ἐς τρίς u. a. (wiewohl att. εἰς ἕνην). 756) paraAnmerk. 1. Verwandte Suffixe finden wir auch in der indischen Sprache (bhis, als Instrumentalis Plur., bhjas, Dat. Abl. Plur., bhjâm, Dat. Instr. Abl. Dual.) und in der lateinischen, wo bh in b übergegangen ist, hier als Zeichen des Lokalis bezw. des Dativs bī sp. bĭ: ti-bi (sk. tubhja, tubhjam), und im Plur. Dat. Abl. bī bŭs, no-bis, vo-bis, in der III. Dekl. i-bus. 757) 2Das Suffix φι (ν) findet sich bei Wörtern aller drei Deklinationen und tritt stets an den unveränderten Deklinationsstamm. paraI. Dekl. fast nur im Sing.: λεῖπε θύρηφι Od. ι, 238 (foris), hier allein pluralisch = θύρασι, was Homer nicht hat, ἀγέληφι Il. β, 480 in der Herde, ἅμ' ἠοῖ φαινομένηφιν s. Nr. 1, ἀγλαΐηφι, ἠνορέηφι πεποιθώς, κρατερῆφι βίηφιν Il. φ, 501, ἧφι βίηφι πιθήσας Il. χ, 107. βίηφί τε ἧφι πιθήσας Od. φ, 315; ferner: γενεῆφι, κλισίηφι Il. ν, 168; κεφαλῆφι λαβεῖν, ἑλέσθαι, am Haupte; παλάμηφι, ἑτέρηφι s. Nr. 1; mit Präpos. ὀϊστὸν ἀπὸ νευρῆφιν ἴαλλεν Il. θ, 300. ἐξ εὐνῆφι θορεῖν, ὄρνυσθαι. paraAnmerk. 2. Wenn das Suffix die Stelle des Dativs vertritt, so steht vielfach in den Handschriften und in manchen Ausgaben (so noch b. Spitzner, nicht aber bei Bekker) ein ι unter dem η, als: γενεῇφι, φρήτρῃφιν (vgl. Choerob. Hdn. L. II, 602); aber ohne Zweifel durchaus unrichtig, da das φι auch sonst nie an die Kasusendung, sondern immer an den Stamm antritt. Aristarch schrieb kein ι, Schol. Il. μ, 153. Od. γ, 87; s. auch Apollon. de adv. p. 576; La Roche, Hom. Textkr. 411. paraAnmerk. 3. Die Form ἐσχαρόφιν (ἷζεν ἐπ' ἐσχ. Od. τ, 389) st. ἐσχαρῆφιν hat der Verszwang hervorgerufen. paraII. Dekl. sowohl im Sing. als Plur. Diese Formen sind sämtlich, ohne Rücksicht auf die Betonung des Nom., paroxytoniert (όφι). παῤ αὐτόφι Il. μ, 302, bei ihnen (Bekk. παραυτόθι). πάντες ἐπ' αὐτόφιν εἵατο τ, 255, interea, dum haec geruntur, nach Spitzner; “für sich” (Lokalis zu αὐτοί) n. Faesi. ὄσσε δακρυόφιν πλῆσθεν, ἀμφ' ὀστεόφιν u. s. w. s. Nr. 1;

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mit Präpos. ἀπὸ, ἐκ πασσαλόφιν, ἐκ ποντόφιν, ἀπ' ἰκριόφιν, ἐκ θεόφιν γένος ἦεν Il. ψ, 347. ἐκ θεόφιν πολεμίζει ρ, 101. ἀπὸ στρατόφιν κ, 347. paraIII. Dekl. fast nur im Plur.: bei einer nicht grossen Anzahl von neutralen Substantiven auf ος, Stamm ες, ferner bei ὁ κοτυληδών, Warze (κοτυληδον-ό-φιν Od. ε, 433 mit dem Bindevokal ο) und bei ναῦ-φι (vgl. das sanskr. nâu-bhis), mit Verkürzung des Stammes νηυ: ἀπὸ (παρὰ) ναῦφι. Bei denen auf ος muss, da φι immer an den reinen Deklinationsstamm tritt, ες-φι entstehen, also: ὄχεσφι, σὺν, παρ' ὄχες-φι, ἵππους αὐτοῖσιν ὄχες-φιν Il. θ, 290, samt den Wagen, κατ' ὄρε-σφι ῥέοντες Il. δ, 452 de montibus; θῶες ὄρεσφιν Il. λ, 474 in montibus, ἀπό, ἐκ, διὰ στήθες-φιν. An den Stellen, wo jetzt στήθεσσι, von dem Körperteile (nicht dem Gemüte) gebraucht, steht, will Dronke a. a. O. στήθεσφι lesen, z. B. Il. β, 416 (στήθεσφι schol. Β Σ, 538). ε, 346. κ, 21, 131 u. s. Nur einmal ist φι an den Sing. getreten: Il. κ, 156 ὑπὸ κράτεσφι τάπης τετάνυστο, vgl. 152 ὑπὸ κρασὶν δ ἔχον ἀσπίδας (ἑταῖροι); die Form setzt übrigens einen Nom. κράτος (St. κρατες), G. ε-ος, voraus. Statt ἐξ Ἐρέβευσφιν Il. ι, 572 liest Bekker richtig nach Theognostus Crameri Ox. 2, p. 160, 20 ἐξ Ἐρέβεσφιν, wie auch Hes. Th. 669 von Göttling nach dem Venetus 2 und alten Ausgaben gelesen wird. paraAnmerk. 4. Dieses Suffix findet sich ausser Homer und Hesiod (bei dem der Gebrauch gegenüber Homer schon im Abnehmen ist) nur ganz vereinzelt. In den Scholien zu Il. γ, 338 (παλάμηφι· ἡ λέξις παράγωγος Αἰολικῶς) und denen zu Oppian (Hal. I, 709 κατ' ὄρεσφιν· ἐν τοῖς ὄρεσιν . . . Αἰολικῶς) wird es zwar äolisch und von Hesychius (πασσαλόφιν τοῦ πασσάλου· ὁ σχηματισμός Βοιώτιος; Ἴδηφιν, Ἴδης· Βοιωτοί) böotisch genannt; aber Beispiele kommen in den Überresten dieser Mundarten nicht vor. 758) Dagegen Ibykos frg. 2, 6 σὺν ὄχεσφι θοοῖς, nach Hom., und missbräuchlich frg. 57 (Hdn. II, 943) im Kompos. Λιβυαφιγενής; 759) auch Alkman (59 Bgk.), als Vokativ (Apollon. de adv. p. 579, 25): Μῶσα Διὸς θύγατερ ὠρανίαφι λίγ' ὰείσομαι; endlich im Scherz der Komiker Hermippos (fr. 55 K.) das Homer. πασσαλόφιν. 760) 3Mit dem Gebrauche des Suffixes φι ist verwandt der Gebrauch der Lokalsuffixe θι, θεν, δε, welche ursprünglich nur die Raumverhältnisse des richtungslosen Wo und der Richtungen Woher und Wohin bezeichneten; das Suffix θεν (Woher) aber vertritt in der epischen Sprache nicht selten den Genetiv: Od. δ, 220 οἶνον, ἔνθεν ἔπινον (st. οὗ), oft mit Präp., wo die Präpos. z. T. pleonastisch erscheint, als: ἐξ οὐρανόθεν, ἀπὸ Τροίηθε Il. ω, 492. ἀπὸ κρῆθεν Hes. Sc. 7. κατὰ κρῆθεν Il. π, 548 (Bekk. κατ' ἄκρηθεν ohne Not, vgl. Od. λ, 588. h. Cer. 182. Hes. Th. 574), besonders aber in den Formen ἐμέθεν, σέθεν, ἕθεν, die bei den Aeoliern die üblichen Genetivformen waren, und die dann selbst die

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Tragiker gebrauchten. Aesch. S. 141 σέθεν γὰρ ἐξ αἵματος γεγόναμεν. P. 218 σοί τε καὶ τέκνοις σέθεν. Ag. 882 τόν θ ὑπ' Ἰλίῳ σέθεν κίνδυνον u. s. Suppl. 67 ὤλετο πρὸς χειρὸς ἕθεν (Pors.). S. El. 1209 ὦ τάλαιν ἐγὼ σέθεν. Das Suffix θι wird in der ep. Sprache zwar auch in Verbindung mit Präp. πρό gebraucht, aber immer nur vom Orte oder von der Zeit, als: Ἰλιόθι πρό, οὐρανόθι πρό, ἠῶθι πρό.Perseus:abo:sec,00001(Smyth 280)

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